Moria

13. Sep. 2020

Bereits zu Jahresbeginn 2020 berichtete SPIEGEL-TV über das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Die Berichte sind von hoher journalistischer Qualität, keineswegs einseitig. Vielmehr spannen die Interviews und Bilder einen Bogen zwischen den Gegensätzen. Zum einen furchtbare Bilder von Kindern und Erwachsenen, die unter desaströsen physischen und psychischen Verhältnissen vegetieren. Kein Wunder, dass hier nun möglicherweise jemand aus Perspektivenlosigkeit zum Zündholz gegriffen hat. Zum anderen Schilderungen über kriminelle Flüchtlinge, die zusätzliche Angst und Schrecken im Lager (und manche auch außerhalb) verbreiten.

Die Lage ist höchst komplex – insbesondere auch für die griechische Bevölkerung. Es gibt noch hilfsbereite Einheimische und andere, die sich berechtigt über die Geflüchteten empören und ihre Ablehnung immer aggressiver zeigen. Es sind hässliche Szenen, die sehr betroffen machen.

Mit den Flammen in Moria ist die Debatte entfacht, ob Österreich unbegleitete Minderjährige aus diesem Katastrophencamp aufnehmen soll – offenbar als eine symbolische Geste. Einige Bürgermeister haben bereits angekündigt, dass ihre Gemeinden bereit wären, Jugendliche aufzunehmen.

Ich bin zwar grundsätzlich dafür, dass Österreich in dieser Situation eine symbolhafte Handlung setzt, die uns einmal mehr als christlich-humanistische Gesellschaft zeigt. Gleichzeitig bin ich jedoch Praktiker. Wenige Gemeinden in Österreich haben so viel für die Flüchtlingshilfe geleistet wie – auf meine Initiative - Tulln in den Jahren 2015 bis 2017. Aufgrund dieser Erfahrung bin ich überzeugt, dass das bloße Zur-Verfügung- Stellen einer Unterkunft nicht reichen wird. Unbegleitete Minderjährige, also Kinder, die ohne ihre Eltern in die Ferne aufbrechen mussten, waren und sind grundsätzlich extremen Belastungen ausgesetzt. Wenn diese Jugendlichen das Pech hatten, in Moria zu stranden, sind diese Heranwachsenden mit Sicherheit hochgradig traumatisiert. Solche unbegleitete Minderjährige können sinnvollerweise nur in professionellen pädagogischen Einrichtungen oder (was wohl eine Mammutaufgabe wäre) in besonders erfahrenen Pflegefamilien untergebracht werden. Ob es solche Unterbringungsmöglichkeiten derzeit in Tulln oder in der Umgebung gibt, müsste ich erheben – was ich im Bedarfsfall sehr gerne machen würde. Auch über eine finanzielle Unterstützung solcher Pflegeeinrichtungen würde ich mit allen politischen Parteien des Tullner Gemeinderates sprechen.