Plädoyer gegen die Trivialpolitik

Das Leben ist dialektisch, alles pendelt zwischen unterschiedlichsten Polen. Der Jesuit Rupert Lay hat dies wie folgt wunderbar beschrieben: „Ich bin noch niemals einem Menschen begegnet, der nicht sein Leben zwischen Freiheit und Zwang, zwischen Liebe und Hass, zwischen Freude und Leid, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Hoffnung und Furcht, zwischen Glauben und Unglauben … gelebt hätte. Sicher überwiegt einmal das eine oder andere – vielleicht scheint vorübergehend nur eine Seite zu sprechen, doch niemals in diesem Leben können wir dem Dazwischen entfliehen…. Wir müssen die Kunst beherrschen, dazwischen zu sehen, weil wir allemal im Dazwischen leben.“

Politikerinnern und Politiker, die die Kunst, dazwischen zu sehen, innerhalb ihres Amtes ausüben, erfüllen höchste Ansprüche, nehmen jedoch mehrere Schwierigkeiten in Kauf, die bisweilen zum Scheitern führen können. Einerseits braucht es Ausdauer und Kraft, denn vernetztes Denken erfordert den dazu erforderlichen Willen und vor allem Zeit, die einem die immer schneller werdenden Medien nicht geben. Andererseits – und das ist wohl die größte Herausforderung – ein dialektisch denkender und agierender Politiker hat seine bisweilen komplexeren Standpunkte in den Medien verständlich zu transportieren.

Das ist die große Chance der Trivialpolitiker, die schwarz-weiß malen, absichtlich nur eine Seite einer Medaille hochhalten oder ständig simple Antworten parat haben. Den Begriff Trivialpolitiker leite ich von einer Typologie ab, die in der Literatur verwendet wird: Romane, in denen in sehr vereinfachender Weise Existentielles beschrieben wird, zählen zur Trivialliteratur. Während jedoch die Trivialliteratur besser ist als ihr Ruf und nicht zufällig Bestseller aus diesem Genre stammen, halte ich von Trivialpolitik nichts – auch wenn diese heutzutage durchaus ihre Abnehmer findet.

Nichts ist schwarz oder weiß, aber alles liegt zwischen schwarz und weiß, das gilt auch für die aktuellen Themen in Tulln.

• Einerseits verfügt die Stadt über enorme Werte, andererseits belastete das Fremdkapital den ordentlichen Haushalt.

• Einerseits wollen wir nicht nur das Bestehende verwalten, sondern wir wollen den hohen Standard weiter ausbauen, andererseits brauchte es dazu verschiedene budgetäre Konsolidierungsmaßnahmen.

• Einerseits wollen wir ein verlangsamtes Bevölkerungswachstum, andererseits setzen wir auf ein Wirtschaftswachstum.

• Einerseits wollen wir in Not geratenen Menschen ein Dach über den Kopf bieten, andererseits wollen wir nicht, dass einige wenige Mieter unsere Gemeindewohnungen verwüsten.

• Einerseits müssen wir auf ein Hotel noch länger warten, da die Investoren gescheitert sind, andererseits konnte die Stadtgemeinde ohne Schaden aussteigen.

Diese Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Apropos Beliebigkeit: Bei all der soeben beschriebenen Dialektik, braucht es selbstverständlich Entscheidungen und für die sind persönliche Grundhaltungen erforderlich. Ich stehe zweifellos auf der Seite der Leistungsträger, denn ihnen ist es zu verdanken, dass Österreich zu den reichsten Staaten der Welt zählt. Einerseits: Wir alle brauchen einander, Hilfsarbeiter sind genauso unverzichtbar wie Wissenschaftler. Andererseits: Nicht allen das Gleiche, sondern jedem was er verdient. Es kommt immer auf die Balance an, und damit auf das Dazwischen – womit ich wieder bei Rupert Lay angelangt bin, von dem ein weiterer Grundsatz stammt: „Wer andere Menschen groß macht, wird selber groß; wer andere klein macht, wird selber klein.“

 

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