„Sie wollen eine gelenkte Gesellschaft“

28. Nov. 2016

Die Tullner MKV-Studentenverbindung Comagena ist christlich, traditionsreich, werteorientiert, und setzt auf Bildung. Die außergewöhnliche Festrede beim vergangenen Stiftungsfest von Dr. Roderich Geyer, der selbst Mitglied der Comagena ist, dürfte wohl auch außerhalb dieser bekannten - sicherlich nicht links stehenden - Tullner Institution (Mitglieder waren unter anderem auch Leopold Figl und Kurt Waldheim) Resonanz finden.

Dr. Geyer ist vielen Tullnern in Erinnerung als strenger, humanistischen Werten verpflichteter und erfolgreicher Direktor des Tullner Gymnasiums. „Der Frust vieler Verlierer, wobei dieses Gefühl etwas Subjektives ist, holt das Gespenst des Führerstaates aus dem Keller“, meinte Geyer und kritisiert scharf jene, die darin die Chance zur Machtübernahme sehen. Ohne die FPÖ zu nennen, sagte er: „Wo ist deren Programm? Das Programm heißt: Ihr werdet Euch noch wundern, was alles möglich ist.“

Das Jahr 2016 sei zwar nicht mit dem Jahr 1933 vergleichbar, aber eine erste Stufe ist genommen. Unser demokratisches System werde schlecht geredet und lächerlich gemacht, Geyer sieht für Österreich „die Gefahr der gelenkten Gesellschaft. Ein Führer und sein Klüngel bestimmen, was gut ist für die Gesellschaft und was zu machen ist. Mitläufer finden sich dann genug. Die formale Demokratie wird zwar weiterhin bestehen, aber unter Einflussnahme auf die Verwaltung, auf die Justiz und auf die Presse. Wer glaubt, dass so eine gelenkte Gesellschaft bei uns nicht möglich ist, dem sage ich Folgendes: Schauen Sie in die Türkei, die war vor zwanzig Jahren ein solider Staat war – und was ist sie heute? Oder schauen wir nach Ungarn oder nach Polen.“

Den vorgeplanten Versuch ein Wahlergebnis umzubiegen, bezeichnet Geyer als infam, er selbst wird Alexander van der Bellen unterstützen. „Es gibt Demokratieverfechter und Demokratieverächter. Wir müssen uns endlich entschließen, die Demokratieverächter gemeinsam zu bremsen.“, sagte Geyer, für den von den Rechtspopulisten europaweit gerade eine rote Linie überschritten wird: „Die Demokratie bietet alle Freiheiten, nur eine nicht, die Demokratie in Frage zu stellen. Und wenn man das tut, dann sieht man in ihr den Weg und nicht das Ziel.“

Abschließend meinte Geyer äußerst pointiert: „Dieses Europa scheint sich alle hundert Jahre einen Dreißigjährigen Krieg zu leisten, nun, siebzig hätten wir schon.“ Dies führt der im Jahr 1932 geborene Historiker, auch darauf zurück, dass es immer weniger Zeitzeugen des letzten Weltkrieges gibt: „Wenn die Großmutter ihrem Enkel nichts mehr vom Krieg erzählen kann, dann hört die Verbindung zum Grauen auf. Das bewusste Erleben ist tot. Das Bewusstsein des Grauens ist verloren gegangen.“ Umso mehr gilt, es die Demokratie als einzigen Hort der Freiheit zu stärken.