Je höher die Corona-Impfquote, desto geringer das Risiko eines schwierigen Konflikts im Herbst

11. Jul. 2021

Wer wünscht sich nicht, in Gesundheit den kommenden Herbst und Winter normal wie früher zu erleben? Gemütlich mit Freunden am Stamm- oder Küchentisch zu sitzen, Theater und Konzerte zu besuchen, in Innenräumen Sport zu betreiben, keine Masken im Unterricht zu tragen, zu tanzen und zu feiern in den Clubs oder am Tullner Studenten- oder Blumenball?

In der Tullner Wirtschaft hoffen nicht nur die Händler, die auf dramatische Umsatzverluste zurückblicken, auf eine Normalität nach dem virusentspannten Sommer, sondern ganz besonders einige Beherbergungsbetriebe, deren Zimmer selbst jetzt in der Hochsaison vorerst nur spärlich gebucht sind.

Aber was wird passieren, sollten die Intensivstationen im Herbst beziehungsweise im Winter durch Covid-Fälle wieder an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen? Wird es erneut einen Lockdown geben, um die Versorgung auf den Intensivstationen zu sichern? Oder werden jene, die sich ohne eine individuelle medizinische Kontraindikation nicht impfen haben lassen, ihrem Schicksal überlassen und nur noch nachrangig auf den Intensivstationen versorgt? Diese Fragen haben gesellschaftliche Sprengkraft und könnten zu einem schwierigen Konflikt führen, den es abzuwenden gilt. Es braucht im Sommer intensive Anstrengungen auf allen politischen Ebenen, es den bisher nicht geimpften Personen zu erleichtern, sich doch noch für eine Impfung zu entscheiden. Denn alles dreht sich um die Impfquote, die weiter nach oben muss.

Im Juni veröffentlichte die Stadt Wien eine Studie, wonach Wiener Intensivstationen aufgrund der Delta-Variante des Coronavirus nur dann nach dem Sommer vor keinen Problemen stehen werden, wenn eine Durchimpfungsrate von 80 Prozent erreicht wird. Erhalten hingegen nur 65 Prozent der impfbaren Bevölkerung das Vakzin, ist eine Überlastung so gut wie sicher:

Das Robert Koch Institut hat erst vor wenigen Tagen (am 8. Juli 2021) eine Prognose über die Belegung der Intensivbetten in Deutschland je nach Impfquote im kommenden Herbst und Winter veröffentlicht:

Auch die Daten des RKI zeigen: Ein Impfquote von 65 % ist zu gering, die Intensivstationen in Deutschland wären durch COVID-Patient*innen dann sogar noch stärker belastet als im Lockdown des vergangenen Winters (Höchststand am 4.1.2021: 5.745 Corona-Patient*innen befanden sich damals auf deutschen Intensivstationen). Das bedeutet auch viele weitere Todesfälle – in Österreich betrug zum Beispiel die Mortalitätsrate von Intensivpatient*innen im Beobachtungszeitraum bis Mai 2021 37 Prozent.

Am vergangenen Freitag (10.7.2021) lag die Impfquote in Niederösterreich bei 59,69 %, wobei sich der Anstieg der Impfquote seit Anfang Juli deutlich verflacht hat (Quelle: ORF):

Die 70%-Grenze scheint in NÖ demnach im Herbst erreichbar, allerdings ist das kein Grund zum Feiern. Für den österreichischen Impf-Experten Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch ist laut einem KURIER-Artikel vom 9. Juli die Durchimpfungsrate „ganz gut, allerdings nicht gut genug, um für die Delta-Variante des Virus ausreichend gerüstet zu sein.“

Auch das Robert Koch Institut sieht die Situation am 8. Juli 2021 sehr kritisch und publizierte, dass aufgrund der Delta-Variante „die Impfkampagne mit hoher Intensität weiter geführt werden sollte, bis mindestens 85% der 12- bis 59-Jährigen bzw. 90 % der über 60-Jährigen vollständig gegen COVID-19 geimpft sind. Die Delta-Variante wird sich auf die ITS-Belegung vor allem dann auswirken, wenn die Impfquoten bei den 12- bis 59-Jährigen bei 75 % oder gar 65 % stagnieren und gleichzeitig eine komplette Öffnung stattfindet“.

Ich habe daher den Tullner Stadtarzt Dr. Franz Bichler sowie Frau Dr. Nicole Edhofer ersucht, in der Gemeinderatssitzung am vergangenen Mittwoch über die Corona-Impfung und auch über deren Nebenwirkungen zu informieren. Beide haben die Impfung nicht nur empfohlen („Jede Person, die sich nicht impfen lässt, wird sich früher oder später mit dem Corona-Virus anstecken und erkranken – einige davon schwer“), sondern auch betont, dass es über keine andere Impfung so viele Daten gibt wie über jene gegen COVID. Immerhin wurden weltweit schon über 3 Milliarden Impfungen verabreicht, über die es ausführliche Dokumentationen und Studien gibt. Fazit: Der Nutzen der Impfung übersteigt deutlich die Risiken der Nebenwirkungen, die im Regelfall harmlos sind. Die sehr seltenen ernsten Nebenwirkungen sind gut behandelbar und daher bald wieder vorbei.

Und ja, weil ich immer wieder (fälschlicherweise) höre, die Langzeitfolgen der Impfung seien uneinschätzbar und auch die Fruchtbarkeit der Menschen sei in Gefahr. Dr. Martin Moder, der für die angesehene Akademie der Wissenschaften eine Reihe von Videos zur Corona-Impfung produziert hat, gibt dazu sehenswerte Entwarnungen: