Was Smartphones, Social Media und KI mit uns machen: Erkenntnisse des Vortrages „Empathie in digitalen Zeiten“

10. Mai. 2026

Prof. Bauer zählt zu meinen wichtigsten intellektuellen Impulsgebern, er ist ein „Influencer“ für die Initiative „Stadt des Miteinanders" – denn er zeigt auf Basis seriöser wissenschaftlicher Arbeit, dass unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden von sozialer Verbundenheit abhängig sind. Neben meinen eigenen Einstellungen sind es auch Experten wie Prof. Bauer, die mich seit geraumer Zeit darin bestärken, Erkenntnis der modernen Psychologie und Neurologie stark in meine politische Agenda einzubringen. Am Anfang wurde die Idee etwas belächelt, aber mittlerweile gilt die Initiative „Stadt des Miteinanders“ nicht nur als gesellschaftspolitisch als Segen, sondern aus meiner Sicht als ein politischer Ansatz der einen hohen Zuspruch schafft. Es stellt sich für mich daher immer dringender die Frage, weshalb auf Bundesebene noch keine einzige Partei oder Regierung eine Initiative „Staat des Miteinanders“ gestartet hat. Im Gegenteil: Insbesondere rechtpopulistische Parteien lassen keine Gelegenheit aus, das Gegeneinander, Respektlosigkeit und negative Emotionen zu schüren. 

Soziale Beziehungen haben Einfluss auf Körper und Psyche

Prof. Bauer erläuterte in seinem Vortrag im April anschaulich, wie zwischenmenschliche Beziehungen und Erfahrungen sich direkt auf unsere Gesundheit auswirken – von einem einzigen Wort, das uns „verletzen“ kann, bis auf die Ebene unserer Gene. So erhöhe beispielsweise ungewollte Einsamkeit nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz und wirke sich so auf die Lebenserwartung aus, wie das Rauchen von 15 Zigaretten täglich.

Was Smartphones und Social Media mit uns machen

Bauer zeichnete ein deutliches Bild der digitalen Welt – und klaren Handlungsbedarf in unserem Umgang damit: 60% der 14- bis 29-Jährigen in Deutschland zeigen eine suchtähnliche Smartphone-Nutzung – das Gerät fungiert als Beziehungsersatz, gibt ein Gefühl von Wichtigkeit und Zugehörigkeit. Und: mehr als drei Stunden Social Media täglich verdoppeln das Depressionsrisiko.

Vorgetäuschte Empathie der KI und ihre Gefahr

Besonders eindringlich warnte er vor der vorgetäuschten Empathie der KI-Tools, da diese teils gefährliche Folgen für vulnerable Nutzerinnen und Nutzer nach sich zieht. Bauer nannte z.B. dokumentierte Fälle von Jugendlichen, die sich in Chatbots verlieben und alle sozialen Kontakte abbrechen. „Das Problem ist, dass wir Alten von diesen digitalen Welten, in denen die jungen Menschen leben und in denen es ihnen zum Teil sehr schlecht geht, keine Ahnung haben.“

Kinder brauchen echte Begegnung

Tablets in Krippen lehnt er klar ab, denn frühkindliche Entwicklung brauche direkten 1:1-Kontakt und echte Begegnung: Kinder entwickeln Intelligenz und Empathie ausschließlich durch körperliche, sinnliche Erfahrung und echte Bezugspersonen. Bauer plädierte für mehr Musik, Sport, Kunst und gemeinsames Spielen – und für Schulen, die Präsenz und Begegnung wieder in den Mittelpunkt stellen.

Angebote für Entfaltung schaffen

Bauers schloss seinen Vortrag mit einem klaren Apell: „Wir müssen die analoge Welt anreichern, und damit für die Kinder interessanter machen, damit sie nicht in die digitalen Räume wegrutschen. Wir können ihnen den digitalen Raum nicht verbieten, aber wir müssen den Kindern Angebote machen, die ihnen Spaß machen – etwa für die sportliche und künstlerische Entfaltung. Vor allem müssen die Alten mit den Kindern in Gespräch kommen, denn die Alten wissen gar nicht was es alles in der digitalen Welt gibt.“

Tulln ist anders

Obwohl die zentrale Bedeutung intakter sozialer Beziehungen für ein „gutes Leben“ wissenschaftlich bestens belegt ist, wird dies in der Politik eher nur indirekt und nicht als eigener Leitgedanke formuliert. Wir in Tulln sind anders, wir fördern die soziale Verbundenheit, sozusagen als politisches Programm.

In den Ideologien selbst seriöser Parteien und in deren Kernunterscheidungsmerkmalen geht es hingegen hauptsächlich (fast nur) um die wichtige Frage der gerechten Verteilung von Einkommen und Vermögen. Natürlich finden sich in Parteiprogrammen schöne Worte wie „sozialer Zusammenhalt“, „Solidarität“, „Familie stärken“, „gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Doch meist bleiben das Überschriften, und es werden daraus keine Prinzipien, an denen die Politik systematisch ausgerichtet wird.

Wir Tullnerinnen und Tullner werden Trump, Putin und andere, ich sag’s diplomatisch, problematische Staatenführer nicht ändern können. Aber jeder von uns kann in seinem Bereich Einfluss nehmen, ein Vorbild sein, dass soziale Verbundenheit gestärkt, und damit die seelische Gesundheit und das Wohlbefinden vieler. Und weil ja im Moment wieder manche Männlichkeitsbilder aus der Retrokiste auftauchen, die es Männern verbieten, sich in Gefühlen zu engagieren, erlaube ich mir die Bemerkung: Sich für Verbundenheit einzusetzen ist auch zutiefst männlich. 

Der Tullner Weg ist ein besonderer, denn wir handeln mit dem richtigen Maß zu allen materiellen und sozialen Dingen, vor allem aber mit Empathie. Wir können auch in dieser Zeit sagen: Auch wenn es in der großen Welt kalt geworden ist, Tulln ist auch in dieser Zeit der Platz, an dem wir daheim sind. Ein Ort, an dem wir gerne wohnen. Die Heimat, in der das Leben Qualität. Ein Ort des Miteinanders.

 

Zur Zusammenfassung des Vortrages von Prof. Dr. Joachim Bauer auf der Website der Initiative „Stadt des Miteinanders“:

https://www.stadtdesmiteinanders.at/menschlichkeit-in-digitalen-zeiten-das-war-der-vortrag-von-univ-prof-dr-med-joachim-bauer/